Glaubenssätze auflösen heisst, einen alten inneren Satz zu erkennen, ehrlich zu prüfen, ob er heute noch stimmt, und eine passendere Haltung so lange im Alltag zu üben, bis sie sich vertraut anfühlt. Ein Satz wie „Ich muss es allen recht machen“ verschwindet nicht, weil du ihn einmal durchschaut hast. Er verliert an Kraft, wenn du ihn wiederholt bemerkst und dich bewusst anders entscheidest. Das braucht Geduld, ist aber gut machbar, mit einfachen Schritten, die du allein beginnen kannst.
Was sind Glaubenssätze?
Glaubenssätze sind tief verankerte Überzeugungen über dich, andere Menschen und die Welt. Sie laufen meist unbemerkt im Hintergrund und fühlen sich nicht wie Meinungen an, sondern wie Tatsachen. Typische Beispiele:
- „Ich muss stark sein.“
- „Sei vorsichtig.“
- „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
- „Ich darf keine Fehler machen.“
- „Wenn ich Nein sage, mag man mich nicht mehr.“
Die meisten dieser Sätze hatten einmal einen guten Grund. „Sei vorsichtig“ kann ein Kind schützen. Für eine erwachsene Frau, die eine neue Stelle annehmen oder allein verreisen möchte, wird derselbe Satz zur Bremse. Ein Glaubenssatz ist also nicht falsch oder schlecht. Er ist oft einfach veraltet.
Woher kommen Glaubenssätze?
Viele entstehen in der Kindheit, aus dem, was Eltern, Lehrpersonen oder Geschwister gesagt und vorgelebt haben. Andere bilden sich später, nach einer Trennung, einer Kündigung oder einer Erfahrung, die sehr wehgetan hat. Das Gehirn zieht daraus eine Regel, damit so etwas nicht wieder passiert.
Wer sich mit diesen frühen Prägungen beschäftigen möchte, findet einen sanften Zugang über die Arbeit mit dem inneren Kind. Übungen dazu stehen im Artikel Inneres Kind Übungen.
Wie hängen Glaubenssätze und Stress zusammen?
Zwei Menschen erleben dieselbe Situation: Die Chefin schreibt am Freitagabend eine kurze Mail. Die eine liest sie und denkt an das Wochenende. Die andere grübelt bis Sonntag, ob sie etwas falsch gemacht hat. Der Unterschied liegt nicht in der Mail, sondern in der Bewertung, und die wird stark von Glaubenssätzen geprägt. Wer tief innen glaubt „Ich darf keine Fehler machen“, steht in vielen Situationen unter Druck, die anderen gar nicht auffallen.
Darum gehört die Arbeit mit Glaubenssätzen bei meinen Auszeiten zur Stressbewältigung. Was sonst noch hilft, Druck abzubauen, beschreibt der Artikel Stressbewältigung. Als Grund für die Teilnahme schrieb jemand in den Feedbackbogen:
„Umgang mit Stress und Druck, Glaubenssätze.“
Aus einer Teilnehmerbefragung nach einer Auszeit mit Stefan Geisse
Welche Glaubenssätze tauchen in Engelberg am häufigsten auf?
An den Auszeit-Wochenenden höre ich immer wieder die gleichen Sätze: „Sei perfekt.“ „Sei stark.“ „Ich darf keine Schwäche zeigen.“ „Ich muss das jetzt können.“ „Ich muss mich durchbeissen.“ „Ich darf keine Fehler machen.“ Sie haben oft lange gut funktioniert, im Beruf, in der Familie, im Sport. Unter Druck werden sie aber zu Stressverstärkern, weil sie keine Pause und keine Unvollkommenheit erlauben.
Woran erkennst du deine eigenen Glaubenssätze?
Glaubenssätze verraten sich durch bestimmte Muster. Achte eine Woche lang auf diese Hinweise:
- Absolute Wörter: „immer“, „nie“, „muss“, „darf nicht“, „alle“. Wenn du dich selbst so reden hörst, steckt oft eine Regel dahinter.
- Starke Reaktionen auf Kleinigkeiten: Eine harmlose Bemerkung trifft dich unverhältnismässig. Meist hat sie einen alten Satz berührt.
- Wiederkehrende Situationen: Du landest immer wieder im gleichen Konflikt, in der gleichen Überlastung, bei der gleichen Art von Mensch.
- Der Körper meldet sich zuerst: Enge im Hals, Druck im Bauch, flacher Atem. Wenn du innehältst und fragst „Was denke ich gerade?“, taucht oft der Satz auf.
In den Feedbackbögen nach meinen Auszeiten fällt mir auf, wie oft Glaubenssätze vorkommen. Auf die Frage, was sie sich für ihre persönliche Weiterentwicklung wünschen, schreibt jemand einfach: „Glaubenssätze auflösen.“ Und bei dem, was die Teilnehmenden nach Hause mitnehmen, tauchen Glaubenssätze in mehreren Bögen auf, meist verbunden mit dem Vorsatz, weiter daran zu arbeiten. Das finde ich wichtig: Ein Wochenende ist ein Anfang. Die eigentliche Arbeit passiert danach, im Alltag, mit Übungen wie der folgenden.
Wie kannst du einen Glaubenssatz auflösen?
Die folgende Übung braucht etwa 20 Minuten, ein Blatt Papier und einen ruhigen Moment. Nimm dir pro Durchgang nur einen einzigen Satz vor.
Übung: in fünf Schritten vom alten zum neuen Satz
- Aufschreiben: Notiere den Satz so, wie er in dir klingt, ohne ihn zu beschönigen. Zum Beispiel: „Ich muss es allen recht machen.“
- Herkunft finden: Wann hast du diesen Satz zum ersten Mal gespürt? Wer hat ihn gesagt oder vorgelebt? Du musst keine perfekte Antwort finden. Ein Bild oder eine Szene reicht.
- Würdigen: Wofür war der Satz damals gut? Vielleicht hat er dir Zugehörigkeit gesichert oder Streit verhindert. Schreib das auf. Was du würdigst, kannst du leichter loslassen.
- Prüfen: Stimmt der Satz heute noch, immer und überall? Sammle drei Situationen, in denen er nicht gestimmt hat, in denen du jemandem nicht alles recht gemacht hast und die Beziehung trotzdem gehalten hat.
- Neu formulieren und üben: Finde einen Satz, der ehrlich und für dich glaubwürdig ist, nicht übertrieben positiv. Statt „Mir ist egal, was andere denken“ eher: „Ich darf auch an mich denken, und gute Beziehungen halten das aus.“ Wähle dann eine kleine Handlung für die nächsten Tage, die zu diesem Satz passt, etwa einmal freundlich Nein sagen.
Lies den neuen Satz zwei Wochen lang jeden Morgen und jeden Abend. Wenn sich der alte meldet, was er tun wird, bemerke ihn ohne Ärger: „Ah, da ist er wieder.“ Mehr ist nicht nötig. Veränderung entsteht durch Wiederholung, nicht durch den perfekten Moment.
„Ein Programm für mich aufstellen und einhalten, Leben, ordnen, gelassen, offen, Glaubenssätze aufbrechen, in die Aktion kommen.“
Michael, Teilnehmer einer Auszeit mit Stefan Geisse
Warum reicht positives Denken allein nicht?
Ein neuer Satz, an den du nicht glaubst, erzeugt eher Widerstand. Wenn du dir „Ich bin vollkommen entspannt“ sagst, während dein Herz rast, fühlt sich das falsch an. Darum ist die Prüfung im vierten Schritt so wichtig: Dein Kopf braucht Belege.
Ebenso wichtig ist der Körper. Glaubenssätze sind nicht nur Gedanken, sie sitzen auch in Haltung, Atem und Muskelspannung. Viele merken, dass ein alter Satz leiser wird, wenn sie gleichzeitig ruhiger atmen und sich sicherer fühlen. Deshalb verbinde ich die Arbeit an Glaubenssätzen mit Yoga, Atem und Meditation.
Das Gleichnis vom Wagen: Wer lenkt?
An den Wochenenden erzähle ich ein altes Bild aus den Upanishaden, das Gleichnis vom Wagen. Die Pferde stehen für unsere Sinne und Begierden, die Zügel für den Verstand, der Wagenlenker für das, was in uns bewusst entscheiden kann. Ziehen die Pferde, wohin sie wollen, werden wir getrieben. Halten wir die Zügel wach in der Hand, lenken wir selbst, wie wir mit unserem Körper und unserem Leben umgehen. Glaubenssätze sind oft genau solche Pferde, die unbemerkt die Richtung vorgeben. Jemand hat es nach einem Wochenende so mitgenommen: Sofort die Zügel anziehen, wenn der eigene Geist zum Feind wird.
Wer sich selbst freundlicher begegnet, hat es leichter, alte Regeln loszulassen. Dazu passt der Artikel Warum Selbstliebe der Schlüssel zu einem erfüllten Leben ist.
„Ich habe … endlich erkannt, dass der Schlüssel zu wahrer Erfüllung und Zufriedenheit einzig und allein in mir selber liegt.“
Manuel, Teilnehmer einer Auszeit mit Stefan Geisse
Wann brauchst du dafür Unterstützung?
Viele Glaubenssätze kannst du allein bearbeiten. Hol dir Unterstützung, wenn ein Satz mit sehr schmerzhaften Erfahrungen verbunden ist, etwa mit Gewalt, Vernachlässigung oder einem Trauma, wenn dich die Übung stark aufwühlt oder wenn du dich über Wochen niedergeschlagen, ängstlich oder antriebslos fühlst. Dann ist eine Psychotherapeutin, ein Psychotherapeut oder deine Hausärztin die richtige Anlaufstelle. Diese Übung ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
In der Schweiz berät die Stiftung Pro Mente Sana unter 0848 800 858 zu psychischer Gesundheit. Tipps, einen Selbst-Check und Adressen in allen Kantonen findest du bei Wie geht's dir?. Wenn es dir akut schlecht geht, erreichst du Die Dargebotene Hand rund um die Uhr unter Telefon 143.
Am Auszeit-Wochenende beim Kloster Engelberg gibt es dafür einen eigenen Workshop: Unter dem Titel „Belastende Muster lösen“ schauen wir gemeinsam und freundlich auf die Sätze, die dich klein halten, und üben, sie Schritt für Schritt loszulassen. Mehr dazu findest du unter Auszeit beim Kloster Engelberg.




